Arthur Schopenhauer über die Musik

Die adäqua­te Objek­ti­va­ti­on des Wil­lens sind die (Pla­to­ni­schen) Ideen; die Erkennt­niß die­ser durch Dar­stel­lung ein­zel­ner Din­ge (denn sol­che sind die Kunst­wer­ke selbst doch immer) anzu­re­gen […], ist der Zweck aller andern Kün­ste. Sie alle objek­ti­vi­ren also den Wil­len nur mit­tel­bar, näm­lich mit­telst der Ideen […] so ist die Musik, da sie die Ideen über­geht, auch von der erschei­nen­den Welt ganz unab­hän­gig, ignor­irt sie schlecht­hin, könn­te gewis­ser­ma­a­ßen, auch wenn die Welt gar nicht wäre, doch bestehn: was von den andern Kün­sten sich nicht sagen läßt. Die Musik ist näm­lich eine so unmit­tel­ba­re Objek­ti­va­ti­on und Abbild des gan­zen Wil­lens, wie die Welt selbst es ist, ja wie die Ideen es sind, deren ver­viel­fäl­tig­te Erschei­nung die Welt der ein­zel­nen Din­ge aus­macht. Die Musik ist also kei­nes­wegs, gleich den andern Kün­sten, das Abbild der Ideen, son­dern Abbild des Wil­lens selbst, des­sen Objek­ti­tät auch die Ideen sind: des­halb eben ist die Wir­kung der Musik so sehr viel mäch­ti­ger und ein­dring­li­cher, als die der andern Kün­ste: denn die­se reden nur vom Schat­ten, sie aber vom Wesen.[…]

Die Erfin­dung der Melo­die, die Auf­deckung aller tief­sten Geheim­nis­se des mensch­li­chen Wol­lens und Emp­fin­dens in ihr, ist das Werk des Geni­us, des­sen Wir­ken hier augen­schein­li­cher, als irgend­wo, fern von aller Refle­xi­on und bewuß­ter Absicht­lich­keit liegt und eine Inspi­ra­ti­on hei­ßen könn­te. […]

Man darf jedoch […] nie ver­ges­sen, daß die Musik […] nie die Erschei­nung, son­dern allein das inne­re Wesen, das Ansich aller Erschei­nung, den Wil­len selbst, aus­spricht. Sie drückt daher nicht die­se oder jene ein­zel­ne und bestimm­te Freu­de, die­se oder jene Betrüb­niß, oder Schmerz, oder Ent­set­zen, oder Jubel, oder Lustig­keit, oder Gemüths­ru­he aus; son­dern die Freu­de, die Betrüb­niß, den Schmerz, das Ent­set­zen, den Jubel, die Lustig­keit, die Gemüths­ru­he selbst, gewis­ser­ma­a­ßen in abstrac­to, das Wesent­li­che der­sel­ben, ohne alles Bei­werk, also auch ohne die Moti­ve dazu. Den­noch ver­stehn wir sie, in die­ser abge­zo­ge­nen Quint­essenz voll­kom­men. Hier aus ent­springt es, daß unse­re Phan­ta­sie so leicht durch sie erregt wird und nun ver­sucht, jene ganz unmit­tel­bar zu uns reden­de, unsicht­ba­re und doch so leb­haft beweg­te Gei­ster­welt zu gestal­ten und sie mit Fleisch und Bein zu beklei­den, also die­sel­be in einem ana­lo­gen Bei­spiel zu ver­kör­pern. […]

Arthur Scho­pen­hau­er: Die Welt als Wil­le und Vor­stel­lung, 1. Band, Drit­tes Buch, Kapi­tel 52

~~~


Weil die Musik nicht, gleich allen andern Kün­sten, die Ideen, oder Stu­fen der Objek­ti­va­ti­on des Wil­lens, son­dern unmit­tel­bar den Wil­len selbst dar­stellt; so ist hier­aus auch erklär­lich, daß sie auf den Wil­len, d.i. die Gefüh­le, Lei­den­schaf­ten und Affek­te des Hörers, unmit­tel­bar ein­wirkt, so daß sie die­sel­ben schnell erhöht, oder auch umstimmt.

[…] So gewiß die Musik, weit ent­fernt eine blo­ße Nach­hül­fe der Poe­sie zu seyn, eine selbst­stän­di­ge Kunst, ja die mäch­tig­ste unter allen ist und daher ihre Zwecke ganz aus eige­nen Mit­teln erreicht; so gewiß bedarf sie nicht der Wor­te des Gesan­ges, oder der Hand­lung einer Oper. […]
Die Wor­te sind und blei­ben für die Musik eine frem­de Zuga­be, von unter­ge­ord­ne­tem Wert­he, da die Wir­kung der Töne ungleich mäch­ti­ger, unfehl­ba­rer und schnel­ler ist, als die der Wor­te: die­se müs­sen daher, wenn sie der Musik ein­ver­leibt wer­den, doch nur eine völ­lig unter­ge­ord­ne­te Stel­le ein­neh­men und sich ganz nach jener fügen. […]
Daß übri­gens die Zuga­be der Dich­tung zur Musik uns so will­kom­men ist, und ein Gesang mit ver­ständ­li­chen Wor­ten uns so innig erfreut, beruht dar­auf, daß dabei unse­re unmit­tel­bar­ste und unse­re mit­tel­bar­ste Erkennt­niß­wei­se zugleich und im Ver­ein ange­regt wer­den: die unmit­tel­bar­ste näm­lich ist die, für wel­che die Musik die Regun­gen des Wil­lens selbst aus­drückt, die mit­tel­bar­ste aber die der durch Wor­te bezeich­ne­ten Begrif­fe.

[…] für sie [die Musik] sind bloß die Lei­den­schaf­ten, die Wil­lens­be­we­gun­gen vor­han­den, und sie sieht, wie Gott, nur die Her­zen.

Arthur Scho­pen­hau­er: Die Welt als Wil­le und Vor­stel­lung, 2. Band, Ergän­zun­gen zum drit­ten Buch, Kapi­tel 39, Zur Meta­phy­sik der Musik